Das Noldeprojekt

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Emil Nolde konnte sich immer nur ein Leben vorstellen: das eines Malers. Dieser zwanghafte Antrieb und der unbedingte Wunsch nach Anerkennung brachte Emil Nolde zeit seines Lebens in einen sich steigernden und tragischen Konflikt zwischen seinen zwei Identitäten: die des Malers und die des Menschen, die er als Sohn, Ehemann, Freund, Liebhaber und Staatsbürger auszufüllen hatte.

Selbstbild

Selbstbild

Doch wer war Emil Nolde? „Antisemit“, „Rassist“, „Nationalsozialist“: So urteilen Kunsthistoriker jetzt über den norddeutschen Expressionisten Emil Nolde. Auch ein Nolde-Bild im Arbeits­zimmer von Angela Merkel musste seinen Platz aufgeben.

Dabei war die nach dem Zweiten Weltkrieg erzählte „Heldengeschichte“ so schön und erbaulich:  Emil Nolde habe ab 1941, trotz eines Malverbots und unter Gefährdung von Leib und Leben, heimlich kleinformatige Aquarelle als „ungemalte Bilder“ produziert; so wurde er nach 1945 zum Symbol eines kreativen Widerständlers gegen totalitäre Unterdrückung. Dazu trug auch erheblich der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz bei, der in der Figur des Malers Nansen als dem Hitler-Regime Widerstand leistenden Künstlers einen wichtigen Beitrag zur Glorifizierung Noldes leistete. Diese Legende ist so nicht mehr haltbar.1

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Die Berliner Ausstellung im Sommer 2019 „Emil Nolde – eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ belegte eindrucksvoll die medial ausgeklügelte Fremd- und Selbststilisierung Noldes als eines zunächst Hitler zugeneigten, dann desillusionierten, als „entartet“ verfolgten Kunstschaffenden, diffamierten und letztendlich, trotz der Überwachung durch die Gestapo, künstlerisch widerständigen Helden. Die Entlarvung dieses Mythos als überwiegend substanzlos gelingt Bernhard Fulda, Aya Soika und Christian Ring durch einen interdisziplinären Forschungsansatz und eine fundierte quellengestützte Analyse.

Dies wurde vor allem auch durch die Öffnung des Archivs der „Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde“ und der Neuausrichtung der Stiftung seit der Übernahme von deren Leitung durch Dr. Christian Ring ermöglicht. Dieser jetzt ungehinderte Zugang zu bisher zurückgehaltenen Dokumenten war Kirsten Jüngling für ihre interessante und viele Neuigkeiten bietende Nolde-Biographie 2013 noch durch die Stiftung in Seebüll verwehrt worden.

Frühling im Zimmer

Frühling im Zimmer

Fulda und Soika führen den Nachweis, dass Emil und Ada Nolde viele überlieferte Aussagen und „Selbstzeugnisse“ in Briefen, Dokumenten, Notizen und in Noldes Autobiographien vor allem in Hinblick auf die gewünschte Rezeption von Emils Kunst angelegt hatten, diese also Teil einer an Öffentlichkeitswirksamkeit orientierten Selbstinszenierung seiner Kunst und seines Lebens waren. In diesen Kontext gehört dann auch die Vernichtung von solchen Dokumenten nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die die Nähe der Noldes zum Nationalsozialismus und ihren ausgeprägten, vor allem rassistisch motivierten Antisemitismus belegt hätten.

Nun bieten Leben und Kunst Noldes wesentlich mehr dramatischen Stoff als die ausschließliche Beschäftigung mit seinem Verhalten während des Nationalsozialismus. Unsere dramatische Biographie „Emil Nolde – Triumph der Farben“ nähert sich diesem Menschen mit den Mitteln des Theaters. Sie spürt einem vielschichtigen, interessanten und widersprüchlichen Charakter nach, der archetypisch für die Tragik einer außergewöhnlich begabten Künstler­persönlichkeit steht, die zwischen dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einer Epoche lebte, die von den Zeitgenossen vor allem eines forderte: Anpassung.

Seebüll Hof

Seebüll Hof

„Das Malen war mein besseres Sein“ (Emil Nolde). Fürchtete da jemand, dass die Öffentlichkeit angesichts Noldes begeisterter Wertschätzung Hitlers und seines sich bis 1945 radikalisierenden Antisemitismus dessen Selbstinszenierung als künstlerischer Widerständler gegen das faschistische Unrechtsregime irgendwann nicht mehr abkauft?

Schon früh betonte Nolde deshalb seine Neigung, „zwischen dem Künstler und dem Menschen“ differenzieren zu wollen. Durch diese begriffliche Trennung legte der Maler der Nachwelt nahe, die moralische Integrität von Kunst und Künstler nicht durch Ungereimtheiten in Noldes Biographie, seinem „Mensch-Sein“, in Zweifel ziehen zu lassen. Und diese Kommunikationsstrategie ging mit Hilfe der Stiftung in Seebüll, die die Deutungshoheit über Emil Nolde beanspruchte, lange Zeit auf.

So forderte Walter Jens z. B. anlässlich Noldes 100. Geburtstag 1967, trotz kritischer Worte zu dessen Avancen an die nationalsozialistischen Machthaber, man solle sich vom „faschistisch verfälschten, dem allzu Noldeschen Nolde“ verabschieden, denn in seiner Kunst habe „Nolde sich selbst widerlegt“2. Oder mit anderen Worten: In seinem kreativen Schaffen habe der „unbewusst widerständige Künstler“ über den Nazi Nolde gesiegt.

Brennendes Gehöft

Brennendes Gehöft

Spricht für diese Sicht nicht einiges? Die Verfemung der Kunst Noldes als „entartet“, das 1941 gegen ihn ausgesprochene Berufsverbot und nicht zuletzt Schimpftiraden Hitlers („Nolde, das Schwein. Ja was sind sie denn sonst. Was er malt, sind doch immer nur Misthaufen.”3);  hätten die bei einem lupenreinen Opportunisten nicht eine Anpassung seines künstlerischen Schaffens nahegelegt? Doch eben diese Unterwerfung Noldes unter die nationalsozialistische Ästhetik unterbleibt.4 Oder mit den Worten einer Schülerin (im Rahmen eines Unterrichtsgespräches bei der Betrachtung von „Frühmorgenflug” (1940) gesagt: „So malt doch kein Nazi“!

Folgt man der aktuellen Diskussion in der Öffentlichkeit, dann scheint damit das Urteil über Emil Nolde trotzdem gesprochen: ein rücksichtsloser Opportunist und Selbst-Inszenierer, der sich dem Zeitgeist und den Regierenden andiente, um seiner Kunst weitere Anerkennung, und zwar vor allem die des von beiden Noldes verehrten Adolf Hitler, zu verschaffen.

Maskenstillleben I

Maskenstillleben I

Das Theaterstück „Emil Nolde – Triumph der Farben“ wird es Ihnen nicht ganz so einfach machen. Nun gut, die Beweise sind erdrückend, Forschung und Wissenschaft haben eine beinahe lückenlose Indizienkette für ihr Urteil präsentiert. Doch wusste schon Friedrich Schiller, der nicht nur Dichter, sondern auch Historiker war, um die Fragwürdigkeit einer nur an schriftlichen Quellen orientierten Würdigung eines Charakters und schreibt 1784 in „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“: „Aber nicht genug, dass uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnisse ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen.“ Oder anders ausgedrückt mit Brecht aus seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Abendmahl

Abendmahl

Sie sehen während der Aufführung eine Vielzahl von Bildern Noldes, um über seine Kunst dem Menschen Emil Nolde näher zu kommen, aber auch angesichts der emotionalen Wucht seiner Werke deren Wirkung auf die Menschen nachzuspüren.

So steht neben anderen Themen auch die Beziehung zwischen Emil und seiner Frau Ada im Fokus unseres Dramas: eine Ehe, die sich in vielerlei Hinsicht einer traditionellen Einordnung entzieht.

Freuen Sie sich also auf einen spannenden, zum Nachdenken einladenden Theaterabend, der Ihren Blick auf den Menschen und Künstler Emil Nolde erweitern wird.


An dieser Stelle danken wir der „Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde” für die Bereitstellung des Bildmaterials herzlich. Form und Inhalt der Inszenierung von „Emil Nolde – Triumph der Farben“  liegen ausschließlich in der künstlerischen Verantwortung des „Noldeprojektes” .

Unser Dank gilt auch dem Amt für Kultur und Weiterbildung der Landeshauptstadt Kiel für seine Unterstützung.

Quellen und Literatur:

1. Ich folge hier vor allem:

a) Jüngling, Kirsten: Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten. Berlin 2013

b) Fulda, B., Ring, C., Soika, A., & Kittelmann, U. (2019). Emil Nolde–eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus.

c) Ada Nolde „meine vielgeliebte”: Muse und Managerin Emil Noldes / herausgegeben von Astrid Becker und Christian Ring, Nolde Stiftung Seebüll; mit Beiträgen von Astrid Becker, Kirsten Jüngling, Aya Soika, Gude Suckale-Redlefsen, Indina Woesthoff. München 2019

2. Emil Nolde. Der Hundertjährige. Festvortrag zur Feier des 100. Geburtstages von Emil Nolde am 7. August 1967 in Seebüll. Herausgegeben von der Ada und Emil Nolde Stiftung.

3. Fulda, B., Ring, C., Soika, A., & Kittelmann, U. (2019). Emil Nolde–eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus, Seite 52

4. Ob die gewandelte Motivwahl Noldes nach 1934 eine Form der Anpassung darstellt, ist ein interessanter Punkt. Auffällig ist das Zurücktreten religiöser Thematik allemal. Vgl. hierzu Fulda, B., Ring, C., Soika, A., & Kittelmann, U. (2019). Emil Nolde–eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus, Seite 119ff.

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